Schiefe Ebene und Waagensäule 1991 Künstlerhaus Graz  Holz, Spanplatten, Schleifgrund, Dispersion, 17 Kontrollwaagen (Keylard) 17,5° Grundriss: Grundkante 19,5 m, Schenkel a 12,3 m, Schenkel b 15,2 m
Schiefe Ebene 1995 Westfälischer Kunstverein, Münster Holz, Schaltafeln, Gipsplatten mit Gipsüberzug 23°, 110 m2
Installation schiefe Ebenen
Schiefe Ebene mit Waagenvorhang 1993 CAPC Musée d’Art Contemporain, Bordeaux, im Rahmen der Ausstellung GAS: Grandiose Ambitieux Silencieux Holz, Spanplatten (verleimt, verspachtelt, verschliffen), Spezialdispersion (weiss), Federzugwaagen (5 Waagenketten) 18°, 280 m2
Schiefe Ebene 1993 Chiesa San Staë, Venedig Holz, Spanplatten, Gipsplatten, Gips 14° Grundriss: Grundkante 25 m, Schenkel a 20,8 m, Schenkel b 17 m
SCHIEFE EBENE (SAN STAË)
Auf die Barockkirche folgt der White Cube, den Rütimann mit der Schiefen Ebene aus den Angeln hebt. Im Kunstverein Münster baute er sie 1995 zusammen mit den gelben Hinterglasmalereien in einem neutralen Raum auf. Die Ebene zog eine Schnittfläche durch den Raum, nahm eine klare Dreiecksform an und zeichnete die abgetreppte Wand passgenau nach. Die grosse Linie, die gerahmt an der Wand hing, ersetzte den fehlenden Horizont. Rütimann untersucht die schiefe Ebene im Wechsel der Architekturen. Er zieht sie als Eckstück in verschiedene Räume ein und passt sie in Ausmass und Ausrichtung der Umgebung an: In Graz reichte die Ebene 1991 in eine Apsis hinein, in Prag wurde sie 1992 über einem Treppenabgang mit Blick auf die Moldau errichtet. Im selben Jahr entstand in einem sehr hohen Raum in Sevilla die bisher steilste Ebene. In Leipzig und Bern durchschnitt sie die Fensterfront und liess das Licht wie auf einer «Lichtrutsche» in den Raum strömen. In Bern war sie zudem als Schleuse konzipiert, die den Besuchern den Weg durch die Ausstellung wies. Am Anfang der Beschäftigung mit der Ebene steht die Waage. Seine ersten beiden Ebenen baute Rütimann 1991 für Briefwaagen. Im Kunstmuseum Luzern bestimmte er den Neigungswinkel so, dass die auf den Kopf gestellte Briefwaage das Gewicht eines Briefes anzeigte. Im Kunstverein Freiburg errichtete er die einzige Ebene, die als Keil in den Raum vorstiess. Fast verloren stand die alte Briefwaage des Kunstvereins darauf. Sie veranschlagte ohne sichtbares Wiegegut exakt 50 Gramm. Die Ebene brachte die Kräfte durcheinander. Sie hob nicht nur den rechtwinkligen Raum aus dem Gleichgewicht, sie brachte auch das Messgerät um seinen Nutzen. In diesem Zusammenhang führte die Waage vor Augen, dass es sich bei der Arbeit mit der schiefen Ebene auch um ein physikalisches Gedankenspiel handelt. In späteren Arbeiten steht die Waage nicht mehr am Abhang, sie begleitet aber die schiefe Ebene weiterhin. Rütimann nimmt dabei Bezug auf die Architektur. Er türmt Keylard-Waagen vor Pfeilern und Stützen auf oder spannt Marktwaagen von der Decke zum Boden. Diese sogenannten Waagensäulen oder Waagenvorhänge werden zu einer Richtschnur in einem Raum, der in Schräglage gebracht ist. Sie stellen die Gesetze wieder her, festigen die Vertikale, so wie Die grosse Linie in Kombination mit der Ebene die Horizontale markiert.
Schiefe Ebene und Waagensäule 1992 Mánes, Prag, Holz, Spanplatten, Schleifgrund, Bodenfarbe (grau) 27.5°, 40 m2

Seine grösste schiefe Ebene kombinierte Rütimann 1993 mit einem Waagenvorhang. Sie erstreckte sich über fast 300 Quadratmeter in einer riesigen Lagerhalle in Bordeaux, deren Architektur an einen Sakralbau erinnerte. Die Ebene ergoss sich aus einer Ecke in den Raum, traf auf den dunklen Boden. Sie wurde von mächtigen Steinpfeilern durchstossen und von einer Reihe von Waagenketten durchbohrt, die von der Arkade zum Boden gespannt waren. Wie ein Fremdkörper hatte sie sich in der Lagerhalle eingenistet. Harald Szeemann, der die Ausstellung kuratierte, schrieb: «Die schiefe Ebene ist [...] durch ihre leichte Abhebung vom Boden und den Trennzentimetern von den Wänden ein Schweres und Schwebendes, das sich temporär in dieser Raumsituation niedergelassen hat, präsent, aber wie auf dem Sprung, sich weiter auszudehnen.»1

 

1 Harald Szeemann, in: Glattzentrum 1994, S. 7
- Arbeiten Uebersicht
© 2013 Christoph Rütimann
Christoph Rütimann
© 2013 Christoph Rütimann
Als offiziellen Schweizer Beitrag zur Biennale von Venedig zog Christoph Rütimann 1993 eine Schiefe Ebene in die Kirche San Staë. Mit diesem architektonischen Eingriff brach er die strenge Symmetrie auf, die dem Barockraum bisher Macht und Geborgenheit verlieh. Er kippte den Raum, zog den Besuchern den Boden unter den Füssen weg und erklärte den Chor zur unbegehbaren Zone. Die Schiefe Ebene tritt in Dialog mit der Barockarchitektur: Sie ist aus Gips gebaut, dem Material der Kirchendecke und -wände. Ihr höchster Punkt befindet sich im Chor auf einer Höhe von vier Metern, wo die graue Sockelzone auf die weisse Wandfläche trifft. Von da aus führt sie in die seitlichen Altarnischen und ins Kirchenschiff, wo sie in hartem Kontrast auf den Boden trifft. Ihre Ränder zeichnen die reichen Architekturglieder nach, folgen den Pilastern, Pfeilern, Säulen, Balustraden und überwinden Treppenstufen. Die Ebene überzieht den Chor, begräbt wichtige Einrichtungsgegenstände unter sich und hebt andere hervor. Die Christusfigur des Seitenaltars fusst nun auf dem Weiss, die Monstranz wird durchkreuzt, und die Gemälde im Chor scheinen auf der Ebene fast ins Rutschen zu kommen. Die von der Decke hängenden Leuchter betonen die Senkrechte. Und die Horizontale ist in Venedig allgegenwärtig. Nun bringt Rütimann eine Schräglage in die Lagunenstadt.